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Claudio Monteverdi: L'Orfeo

Gesamtaufnahme in italienischer Sprache und auf historischen Instrumenten
Neufassung nach dem Urtext, musikalische Einrichtung und Leitung Siegfried Heinrich.

Erstmals wird in dieser Studio-Aufnahme mit dem Ensemble der XX. Bad Hersfelder Festspielkonzerte 1980 im fünften Akt die Bacchantinnenszene aus der Erstfassung von 1607 eingefügt.

>> Erhältlich als Dreifach-LP oder Doppel-CD

Für die 2021 neu erschienene Doppel-CD konnte auf die Original-Masterbänder zurückgegriffen werden. Sie waren glücklicherweise in einem fast perfekten Zustand, so dass die Überspielung von Günter Pauler in 24 Bit/96 kHz ein klanglich hervorragendes Ergebnis gebracht hat. Es sind nur ganz wenige Stellen, an denen das Alter der Produktion hörbar ist.

Die seit ca. 2007 verkauften Doppel-CDs sind nicht von den Original-Masterbändern überspielt worden, sondern von einer Schallplatte. Die remasterte Neuausgabe erkennen Sie an der farbigen Inlaycard sowie an den CD-Labeln in Goldmetallic.

Tipp: Eine Besprechung ist in der Januar-Ausgabe von Audio (Seite 145) erschienen.

Aus damaligen Kritiken

Zitat FAZ vom 06.08.1980 zu der der Aufnahme vorangegangenen Inszenierung anläßlich der XX. Bad Hersfelder Festspielkonzerte 1980 (Regie: Gustav Rudolf Sellner):
„Am weitesten entfernte sich Siegfried Heinrich von Nikolaus Harnoncourt in der Deutung des Schlusses, in dem er einen Kompromiss zwischen Monteverdis hartem Orfeo-Schluss von 16007 (Furien zerreißen Orfeo) und der Apotheose der Fassung von 1609 eingeht. Der Kompromiss ist schlüssig: Apoll erscheint jetzt nicht mehr als Deus ex machina, sondern als Retter in der Not. Zu einigen Gesangsversen der Furien in Striggios Libretto ist die Musik verloren. Heinrich hat die Verse in einem musikgeschichtlich legitimen Parodieverfahren mit Musik aus Monteverdis Madrigal „Clori et Tirsi“ unterlegt.“

Schallplattenzeitschrift "Fanfare" New York – April/Mai 1982:
„Während Heinrichs Lösung von den Kritikern gepriesen wurde, wäre es doch eine Übertreibung, wenn man sagte, daß die Standard-Ausgabe von 1609, wie wir sie haben, gar nicht befriedigend ist.
Jedenfalls würden diese wenigen Minuten Musik nicht entscheidend ins Gewicht fallen, wenn dies nicht eine wunderbar vollendete Aufführung wäre. Heinrich, dessen Einspielungen bei Jubilate hier schon kürzlich ihren Lobesanteil erhalten haben, hat uns eine Aufnahme gegeben, in der alle Elemente ausgewogen und ausgezeichnet sind. Die glänzende Vereinigung authentischer Instrumente, der überragende Chor und die alle gleichermaßen guten Solisten kommen den besten Teilen aller früheren Aufnahmen gleich. In der Besetzung ist kein schwacher Sänger, und italienische Aussprache und Stil werden ausgezeichnet gemeistert.
Die Aufführung hat die Ensemble-Qualität, die sich bei der szenischen Gestaltung im Rahmen der Bad Hersfelder Festspiel-Konzerte entwickelt hat, und die nun schon seit 20 Jahren unter Heinrichs Leitung stehen.
Jubilate weist eine gleichbleibend vorzügliche Aufnahmetechnik auf, mit viel Sinn für Raum und Richtung, und ist im allgemeinen geräuschlos. Ein dreisprachiges Textheft ist beigefügt.
Diese Ausgabe, eine ungewöhnliche Leistung, ist der vorzüglichste »Orfeo«, der heute auf dem Markt ist.“

„While Siegfried Heinrich‘s solution of the final act found praise among the eritics, it would be an exaggeration to say that the still existing version of 1609 is not satisfactory.
However, these few minutes of music would not be decisive were this not a beautifully recorded performance. Heinrich, whose recording onJubilate we praised not long ago, has given an excellently balanced recording. The brilliant combination of authentic instruments, a dominant chorus, and a cast all equally strong, particularly in Italien diction and style, make this recording equal of all earlier efforts.
This performance on disk recreates the ensemble atmosphere of the original 1980 Bad Hersfelder production, conducted by Siegfried Heinrich, Director of the festival for the past 20 years.
Technically, Jubilate has produced a consistently fine recording, with a generaus allowance for interpretations. The accompanying text is clearly printed in three languages.
This new version, an unusual achievement, is the best »Orfeo« now available.“

Neue Züricher Zeitung – 19. 2. 1982:
„Die Arbeit des Bearbeiters und Dirigenten mit jungen Kräften, im Vokalen wie im Instrumentalen, bestätigt sich in einer in hohem Maße lebendigen, farbigen, dynamisch und klanglich nuancierten Aufführung, die auch durch Spontaneität zu fesseln vermag.
Wirkt das Werk bei Harnoncourt in erster Linie aus dramatisch-emotionaler Kraft, tut es das hier und kaum weniger unmittelbar, aus Schönheit und »Eloquenz« des Melos.“

„Siegfried Heinrich‘s work with young vocal and instrumental artists has produced a lively and colorful recording, which captivates in its spontaneity.
While Harnoncourt‘s »Orfeo« is strikingprimarily as a mult of its dramatic and emotional impact, the poignant beauty and eloquence of this version is no less impressive.“

Berlin, Zeitschrift »Orpheus« – 3/1982:
„Wie bereits in der Neuproduktion der Hersfelder Festspiele 1980 von der internationalen Kritik begeistert festgestellt, unterscheidet sich die vorliegende Einspielung des Monteverdischen Opern-Erstlings von allen früheren durch die von Siegfried Heinrich erstellte Neufassung (nach den Fassungen von 1607 und 1609) des letzten (fünften) Aktes des »Orfeo«, in dem Apoll die rasenden Bacchantinnen daran hindert, Orfeo zu zerreißen. Allein schon wegen dieser, nach einem völlig legitimen Parodie-Verfahren eingerichteten Neufassung verdient diese Aufnahme, die der Hersfelder Produktion unter Rudolf Sellner von 1980 folgt, ungeteilte, lobende Aufmerksamkeit.
Vor allem ist der instrumentale (original instrumentierte) und stimmliche Stand dieser überraschend gut ausgefallenen Aufnahmen zu loben, dessen Solisten jeden Vergleich mit vorhandenen, illusteren Einspielungen bestehen.“

„The Bad Hersfelder festival mounted its new production of »Orfeo« in 1980, under the direction of Rudolph Sellner, which was enthusiastically acclaimed by the international press. This present recording of Monteverdi‘s first opera distinguishes itself from its predecessors through Siegfried Heinrich'‘ re-examination of the fifth and last act of »Orfeo« (taken /rom the versions of 1607 and 1609), where Apollo‘s intervention prevents the Bacchantines from tearing Orfeo apart. For this version alone, based upon the traditional method of Parody, this recording deserves undivided attention.
Especially worthy of praise are the instrumental (original instruments) and vocal standards of this surprisingly well-conceived recording, who‘s soloists withstand any comparison with the more illustrious recordings available.“

Schallplattenzeitschrift Hifi – März 1982:
„Die Wiedergabe des Werkes ist erfreulich. Heinrich benutzt das alte bzw. nachgebaute Instrumentarium. In ihrer kammermusikalischen Anlage steht die Darstellung der Harnoncourt und Corboz näher als ]ürgens, auch was die Behandlung des Chores angeht. Bei den Solisten handelt es sich ausnahmslos um junge Sänger, die mit ihren Aufgaben, vor allem der Verzierungstechnik, gut fertig werden. Was Lebendigkeit und artikulatorische Sorgfalt angehen, so kann Heinrich es mit seinen Konkurrenten durchaus aufnehmen.“

„This new recording of »Orfeo« is welcome. Heinrich utilizes the old or reconstructed instruments. Harnoncourt and Corboz are more alike in their chamber music approach to the opera than is Juergens; also in their treatment of the chorus.
The soloists, all young, are technically polished (especially in the embellished portions of the opera), and perform their assignments with confidence. Heinrich‘s liveliness and feel for diction places him on the same level as his competitors.“


Zur Einspielung

Die Idee einer szenischen Opernaufführung in der Bad Hersfelder Stiftsruine entstand schon mit den ersten Aufführungen in der Ruine der romanischen Basilika Anfang der 1920er Jahre. 1980 wagte Siegfried Heinrich als Initiator der seit 1961 stattfindenden Bad Hersfelder Festspielkonzerte einen ersten großen Versuch mit der Aufführung von Monteverdis L'Orfeo. Der durchschlagende Erfolg war der Grundstein der "Bad Hersfelder Opernfestspiele", die bis 2015 zahlreiche Opernfreunde aus dem Inland und Ausland in die Stiftsruine lockte.

Im Anschluss an die Aufführungen 1980 enstand mit allen Beteiligten die Aufnahme zu LP bzw. CD in der Ev. Matthäuskirche Bad Hersfeld. Beteiligten zu Folge mussten die nachts stattfindenden Aufnahmen immer mal unterbrochen werden, da in der in der Nähe befindlichen US-Kaserne Panzer unterwegs waren.


Musikgeschichtlicher Hintergrund zu Monteverdis Oper "L'Orfeo":

Am 22. Februar 1607 versammelte sich in Mantua eine erlesene und glänzende Gesellschaft zur Uraufführung der Favola in Musica „L'Orfeo“ des damals vierzigjährigen Hofkapellmeisters der Gonzaga, Claudio Monteverdi.

Dieser Meister gehörte zu jener Zeit bereits zu den angesehensten Musikern Oberitaliens. Man war daher berechtigt, etwas Besonderes zu erwarten, und man wurde nicht enttäuscht. Der „Orfeo“ entpuppte sich weder als prächtige Schaustellung mit Musikeinlagen, wie sie bisher bei höfischen Festlichkeiten üblich gewesen war, noch als musikalisch karges „Melodram“ im Stil der wenigen Jahre zuvor in Florenz entstandenen neuen Gattung, sondern als einzigartige Mischung aus beidem. Gewiß, er war ein Wort für Wort in Musik gesetztes Drama wie seine Florentiner Vorgänger, aber ohne die dort zum Gesetz erhobene sklavische Unterordnung der Musik unter den Text. Vielmehr kam es Monteverdi darauf an , alle nur erdenklichen Mittel der alten vielstimmigen wie der neuen einstimmigen Musik und das ganze reiche Instrumentarium seiner Zeit zur Geltung zu bringen, allerdings nicht regellos und um ihrer selbst willen, wie in den früheren festlichen Darbietungen, sondern ausschließlich im Dienste des Dramas.

So wurde der „Orfeo“ zum Musikdrama, dem ersten in der Musikgeschichte, obwohl er textlich nur ein mehr lyrisch als dramatisch betontes Schäferspiel nach dem Brauch der Zeit darstellt. Orpheus und Eurydike erscheinen im ersten Akt unter den sorglosen Hirten und Nymphen durchaus als ihresgleichen; eine Nymphe ist auch im zweiten Akt die Überbringerin der Botschaft von Eurydikes Tod. Die beiden folgenden in der Unterwelt spielenden Akte fassen dann das gesamte Geschehen, die Bezwingung Charons, die Wiedergewinnung der Gattin und den neuerlichen Verlust, zusammen, während der lyrische fünfte Akt, Orpheus' Klage, wieder in der pastoralen Sphäre der Oberwelt spielt und dem ersten an Handlungsarmut entspricht.

Dieses blasse Geschehen setzte sich für den Komponisten sofort gleichsam in leuchtende Klangfarben um: Er hörte die Oberwelt mit ihren Hirten und Nymphen im lieblichen Klang von Flöten, Streichern, Cembalo und Orgel, die Unterwelt mit ihren Gottheiten verkörpert in den durchdringend scharfen und feierlich-gewaltigen Tönen der Trompeten und Posaunen, denen sich als Generalbaßinstrument das Regal zugesellt, und dazwischen der Held Orpheus, der an beiden teilhat.

Die lichte Sphäre der Oberwelt wird formal charakterisiert durch einen hie und da von kurzen Strophengesängen durchbrochenen, verhalten lyrischen Sprechgesang, durch festliche Tanzchöre und durch lebhafte, straff rhythmisierte und streng rational aufgebaute Instrumental-Ritornelle. In ihr verkörpert sich das Ebenmaß eines schönen, problemlosen Daseins. Diese Harmonie wird durch die Nachricht von Eurydikes Tod jäh zerstört.

Mit dem Auftreten der Unglücksbotin in der Mitte des zweiten Aktes ist es, als öffne sich die Tür zu einer anderen Welt. Jetzt vermag der lyrische Sprechgesang mit seiner gemessenen Bewegung die Empfindungen des Handelnden nicht mehr wiederzugeben. An seiner Stelle erscheint eine dramatisch gesteigerte Redeweise: die Gesangslinie wird weiträumiger, rhythmisch beweglicher, die Harmonik ergeht sich in manchmal fast unglaubhaft scharfen Dissonanzen, kurz, alle formalen Rücksichten treten hinter die Empfindungswiedergabe zurück. Ein psychologisches Meisterstück und ein Höhepunkt der Oper z. B. das kurze Frage- und Antwortspiel zwischen der Botin und Orpheus, die Todesnachricht selbst und der Weh laut „Ohime“, mit dem Orpheus darauf reagiert.

Der affektgetränkte dramatische Sprechgesang (besonders eindrucksvoll in der Erzählung vom Sterben der Eurydike, in Orpheus ' anschließender Klage, in seinem angstvollen Bemühen um die wiedergewonnene und dann zum zweiten Male verlorene Gattin im vierten und in seinem Lamento im fünften Akt) wird in der Unterwelt umrahmt von pathetischen Chören und düster-feierlichen Sinfonien.

Als echter Dramatiker aber war sich Monteverdi darüber klar, dass eine pausenlose Hochspannung der Gefühle den Hörer ermüden würde. So hat er nicht nur in den dramatischen Sprechgesang auch schlichte und sachlich deklamierte Abschnitte eingefügt, sondern er hat mit dem Fährmann Charon auch eine ausgesprochen komische Figur in den Mittelpunkt des dritten Aktes gestellt. Dieser derbe Geselle läßt sich auch durch das virtuose Konzert „Possente spiro e formidabil nume“, in dem der göttliche Sänger all seine Kunst entfaltet, nicht aus seiner stumpfsinnigen Ruhe bringen.

Monteverdis „Orfeo“ i s t wohl das erste Musikdrama, d. h. das erste Werk, in dem die Musik ganz und gar von der  dramatischen Idee durchtränkt ist, aber sowohl die Musik als auch die Idee entstammen einer fernen Zeit, in deren Hörgewohnheiten es sich einzuleben gilt, wenn man die volle Größe des Werkes erfassen will. Was spätere Geschlechter mit kunstvollen Arien, mit gewaltigen musikalischen Szenen, mit raffinierten Instrumentationseffekten oder Monstre-Orchestern erstrebten – große, ja erschütternde musikalisch-dramatische Wirkungen – das hat der begnadete Musikdramatiker Claudio Monteverdi mit den Mitteln seiner Zeit und unter dem Beifall ihrer Besten längst vorweggenommen. Man muß es nur zu hören verstehen!

Anna Amalie Abert (1906–1996, Musikwissenschaftlerin)


Mitwirkende

Joachim Seipp: Orfeo
Melinda Liebermann: Euridice
Rosemarie Bühler: La Musica (Prolog), Speranza
Rochelle Travis: Ninfa (Nymphe), Proserpina
Heide Blanker-Roeser: Messaggiera (Botin)
Uwe Bliesch: Caronte (Bote)
Cornelius Hauptmann: Plutone, Apollo
Erwin Spaett: Eco (Echo)
Axel Reichhardt, David Adams, Erwin Spaett: Tre Pastori (Hirten)/Tre Spiriti (Geister)

Frankfurter Madrigalensemble, Hersfelder Festspielchor: Coro di Ninfe e di Pastori/Coro di Spiriti

Studio für Alte Musik des Hessischen Kammerorchesters Frankfurt/Main

Musikalische Einrichtung und Leitung: Siegfried Heinrich


Texte

Das umfangreiche Textheft der LP-Ausgabe passt leider nicht in eine CD-Box, daher gibt es hier den vollständigen Text in Italienisch, Deutsch und Englisch als Download: